Athletik Waldniel 1989 e.V.

Axel Zachau – Ein Portrait

Mein Leben als kilometerfressender Wiederholungstäter – Eine Biografie in Laufschuhen

Einleitung: Wie ich mir das mit dem „entspannten Ausgleich“ vorstellte

Es gibt im Leben Momente, in denen man eine Entscheidung trifft, deren Tragweite man in keiner Weise absehen kann. Die meisten Menschen suchen sich nach einem harten, emotional fordernden Arbeitstag ein entspanntes, risikoarmes Hobby, um ein wenig runterzukommen.

Briefmarkensammeln zum Beispiel. Oder ein bisschen beruhigendes Yoga im Wohnzimmer.

Und dann gibt es mich. Ich stand im September 2014 im knackigen Alter von vierzig Jahren an der Startlinie des Berlin-Marathons und dachte mir mit einer fast schon naiven Leichtigkeit:

„Och, guck mal, da vorne geht es los. Lauf doch einfach mal die zweiundvierzig Kilometer mit. Was soll schon schiefgehen?“

Nach 4:31:04 Stunden stolperte ich über die Ziellinie. Mein Körper schrie nach Erholung, aber mein Schicksal war in diesem exakten Moment unwiderruflich besiegelt. Ich hatte Blut geleckt. Aus dieser Nummer kam ich einfach nicht mehr raus.

Heute, viele Jahre und unzählige Paar abgewetzter Laufschuhe später, habe ich weit über 250 Marathons und Ultraläufe weltweit auf dem Buckel. Das hat natürlich dazu geführt, dass sich meine gesamte Wahrnehmung von Raum und Zeit im Alltag massiv verschoben hat.

Wenn mich heute in Schwalmtal ein Spaziergänger nach dem Weg zum nächsten Supermarkt fragt, empfehle ich ihm vorsichtshalber das Auto oder das Fahrrad. Meine Definition von „gleich um die Ecke, ein kurzes Stück die Straße runter“ liegt nämlich für gewöhnlich im soliden dreistelligen Kilometerbereich.

Wie man diesen extremen Spagat zwischen einem fordernden Pflegealltag, radikalem Verzicht und dem absoluten, chronischen Lauf-Wahnsinn meistere, ohne völlig den Verstand zu verlieren? Die Antwort ist simpel: Mit einer gigantischen Portion Humor, einer unbändigen mentalen Härte und der unschätzbaren Fähigkeit, im Ziel über meinen eigenen, kollabierenden Körper und den anschließenden Schüttelfrost lachen zu können.

  • Mein Berufsalltag:

Pendeln für Profis im unbarmherzigen Pflege-Rhythmus.

Wenn ich nicht gerade irgendwo auf der Welt den Asphalt plattwalze, finnische Sandpisten vermesse oder über alpine Wanderwege im Schweizer Hochgebirge kraxele, geht es in meinem Leben erstaunlich geerdet – aber nicht minder turbulent – zu.

Mein Lebensmittelpunkt abseits der Laufstrecke liegt in der Pflege. Jeder, der diesen Job auch nur ansatzweise kennt, weiß ganz genau: Das ist kein normaler Beruf, das ist reiner Extremsport auf den Beinen.

Während die halbe Nation ihre Arbeitszeit im Sitzen verbringt, To-Do-Listen abarbeitet und in endlosen Meetings Kaffee trinkt, sammle ich schon während meiner ganz normalen Schicht unbemerkt die ersten zehntausend Schritte des Tages.

Empathie, Geduld, Belastbarkeit und ständiges Multitasking stehen hier an der Tagesordnung. Wenn es auf den Fluren drunter und drüber geht, muss man die Ruhe selbst bleiben.

Interessanterweise habe ich meine unendliche Geduld, die man zwingend braucht, um einen 100-Kilometer-Lauf psychologisch durchzustehen, genau hier gelernt. Wenn im Alltag mal wieder alles gleichzeitig passiert, bleibe ich tiefenentspannt. Der Job erfordert es, flexibel auf Menschen einzugehen, in Sekundenschnelle lösungsorientiert zu handeln und immer ein ehrliches Lächeln auf den Lippen zu haben – völlig egal, wie lang die Schicht schon läuft. Und wer weiß, wie weh Kilometer 80 bei einem Ultralauf mitten in der Nacht tut, den schockt im normalen Leben so schnell keine stressige Situation und kein unvorhergesehenes Ereignis mehr.

Um das Ganze logistisch auf die Spitze zu treiben, habe ich mein Auto im Alltag vor drei Jahren quasi in den Ruhestand geschickt. Mein Pendel-System ist mein persönliches Trainingslager: Seit nunmehr drei Jahren laufe ich morgens 10 Kilometer zur Arbeit und fahre nach der Schicht die 10 Kilometer mit dem Fahrrad wieder zurück. Am nächsten Tag läuft das Ganze genau umgekehrt ab. Dieses logistische Meisterstück sorgt dafür, dass mein täglicher Mindest-Streak völlig ohne Zeitverlust wie von selbst läuft. Gleichzeitig nutze ich das Radfahren als perfekte, gelenkschonende Lymphdrainage direkt nach dem Dienst, um die Muskeln für den nächsten Lauf freizumachen. Wer so zur Arbeit kommt, hat den inneren Schweinehund schon vor dem ersten Kaffee des Tages elegant kaltgestellt.

  • Der Geist über dem Körper:

5 Jahre absolutes Nullfasten und das tägliche Date mit dem „Streak“.

Mein sportlicher Werdegang birgt zwei ganz besondere Eigenheiten, bei denen selbst erfahrene Sportmediziner und Kardiologen ungläubig den Kopf schütteln und das Lehrbuch neu schreiben wollen.

Die erste Säule meines täglichen Wahnsinns ist das Prinzip Konstanz: Seit nunmehr 5 Jahren laufe ich jeden verdammten Tag mindestens 10 Kilometer. Es gibt keine Ausreden, keine Ruhetage, kein „Heute passt es nicht“. Ich laufe bei Hagel, bei winterlichem Sturm, nach anstrengenden Spätschichten oder mit akutem Schlafmangel. Mein innerer Schweinehund hat angesichts dieser Sturheit vor Jahren frustriert gekündigt und ist wortlos ausgezogen.

Das Schöne an diesem täglichen Streak ist, dass sich mein Körper im Laufe der Jahre in einen orthopädischen Schutzpanzer verwandelt hat. Meine Sehnen, Bänder und Gelenkkapseln sind durch die kontinuierliche Belastung so extrem verdichtet, dass sie das Dauergrollen auf der Langstrecke klaglos hinnehmen.

Die zweite Säule meines Lebens ist allerdings das, was viele Menschen als absolut spirituelle Härte oder puren Wahnsinn bezeichnen würden: In der Fastenzeit esse ich seit 5 Jahren absolut gar nichts. Die gesamte Zeit über. Null Gramm feste Nahrung von Aschermittwoch bis Ostern. Während mein gesamtes Umfeld schon jammert, wenn das Mittagessen mal eine Stunde später kommt oder der Zucker im Kaffee fehlt, schalte ich meinen Körper wochenlang in den puren Autophagie-Modus – und laufe stur meinen täglichen Pendel-Streak einfach weiter.

Aus sportmedizinischer Sicht ist das ein absolutes Phänomen. Dieses extreme Nullfasten hat meinen Stoffwechsel zu einer hocheffizienten Fettverbrennungsmaschine umerzogen. Mein Körper hat gelernt, Energie aus dem absoluten Nichts zu schöpfen, ohne auf externe Kohlenhydrate angewiesen zu sein. Wenn ich am Wochenende auf der Langstrecke unterwegs bin, weiß ich genau: Mein Geist hat die absolute, uneingeschränkte Kontrolle über jede einzelne Muskelfaser meines Körpers.

  • Mein Schuhschrank:

Die glorreichen Zwölf und die 3.000-Kilometer-Veteranen.

Ein solches mörderische Kilometerpensum erfordert natürlich auch eine verdammt gut organisierte Logistik im Schuhschrank. Wenn man mich in meinem Flur besucht, könnte man meinen, hier wohnt eine vierköpfige Lauf-Wohngemeinschaft.

Ich habe exakt 12 Paar Laufschuhe im permanenten Wechsel im Einsatz. Dieses Rotationsprinzip ist meine Lebensversicherung: Jeder Schuh belastet die Muskeln und Sehnen durch eine minimal andere Sprengung oder Passform jedes Mal ein bisschen anders. Das verhindert einseitige Überlastungen beim täglichen Streaken.

Das Beste daran ist jedoch der Zustand meiner Laufpartner: Während herkömmliche Hobbyläufer ihre Schuhe nach spätestens tausend Kilometern panisch zum Wertstoffhof bringen, weil die Dämpfung nachgibt, fängt der Spaß für mich erst richtig an. Einige meiner treuesten Paare haben bereits weit mehr als 3.000 Kilometer auf dem Buckel. In diesen Schuhen ist keine Dämpfung mehr vorhanden, das ist pure, nackte Härte. Jedes normale Läuferknie würde hier sofort streiken, aber meine Füße haben sich im Laufe der Jahre eine eigene, biologische Stoßdämpfung aufgebaut.

Diese 3.000-Kilometer-Veteranen kennen jede Kurve im Schwalmtal auswendig. Sie haben im Alltag überhaupt kein Blasenpotenzial mehr – sie sind längst Eins geworden mit meinem Fuß. Mein Körper hat auf den täglichen Strecken eine regelrechte Immunität aufgebaut. Wenn überhaupt, meldet sich die Physik erst weit jenseits der magischen Dreistelligkeit: Blasen bekomme ich grundsätzlich erst, wenn auf dem Tacho mehr als 100 Kilometer stehen. Erst wenn das Gewebe nach zehn oder zwölf Stunden im Schuh weichgekocht ist, beginnt der wahre Kampf gegen die Reibung – ein Luxusproblem, von dem jeder normale Marathonläufer nur träumen kann.

  • Mein Reisepass:

Ein unzensiertes Logbuch des reinen Lauf-Wahnsinns.

Kommen wir zu den Statistiken, bei denen mein Orthopäde am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte. Ich sammle Finishes wie andere Leute Treuepunkte im Supermarkt. Meine sportliche Chronik liest sich wie das exklusive Prospekt eines intergalaktischen Reisebüros, das sich auf extreme Orte spezialisiert hat. Ich durfte schon den heißen Wüstensand beim Dubai-Marathon unter den Sohlen spüren, wo ich 2018 in bärenstarken 3:43:16 Stunden durchs Ziel flog. Nur ein Jahr später, im Dezember 2019, stand ich unter den Palmen des legendären Honolulu-Marathons auf Hawaii und finishte in 4:21:20 Stunden, während die pazifische Sonne brannte. Ich holte mir den eisigen, skandinavischen Wind beim Reykjavik-Marathon auf Island (2025) ab und lief sogar unter offiziellem, göttlichen Beistand beim Marathon Vatican 2026 im Herzen Roms.

Weil es draußen aber manchmal einfach zu hell oder zu warm ist, zog es mich in meiner Karriere auch dreimal hintereinander freiwillig hinter schwedische Gardinen: Der Knastmarathon in der JVA Darmstadt (2017 bis 2019) gehörte jahrelang fest zu meinem Pflichtprogramm – inklusive meiner persönlichen Darmstadt-Bestzeit von 3:38:39 Stunden auf dem harten, psychologisch anspruchsvollen Rundkurs im Gefängnishof.

Wenn ich an mein absolutes Rekordjahr 2021 zurückdenke, schüttele ich selbst manchmal ungläubig den Kopf: 53 Marathons in 12 Monaten. Das bedeutete mathematisch, dass ich ein Jahr lang jede Woche irgendwo auf einer Startlinie stand.

Das absolute Highlight war das mörderische Pfingstwochenende 2021: Fünf volle Marathons an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. 211 Kilometer von Köln über Opladen bis ins Vorgebirge. Meine absolute, unantastbare Fabelzeit steht allerdings seit dem 28.10.2018 beim Frankfurt-Marathon festgeschrieben, wo ich den Asphalt in einer persönlichen Bestzeit von 3:27:43 Stunden regelrecht zum Schmelzen brachte.

  • Die nackte Wahrheit:

Mein stolzer Club der zwei legendären DNFs.

Man soll und muss im Leben ja absolut ehrlich zu sich selbst sein. Wer sich im Ultra-Bereich dauerhaft auf den ganz extremen Distanzen bewegt, der muss auch lernen, mit den großen, krachenden Niederlagen mit einem breiten Grinsen umzugehen.

Ich bin inzwischen stolzes und erhobenes Mitglied im elitären Club derer, die wissen, wie sich die absolute, totale Erschöpfung anfühlt, wenn der Körper eiskalt den Stecker zieht.

Zweimal hat mich der Defektteufel auf den ganz extremen Kanten der deutschen Ultralauf-Landschaft ausgebremst – und beide Male waren es epische Schlachten gegen die Uhr und den eigenen Geist:

Das Berlin-Drama: Beim legendären Berliner Mauerweglauf über 100 Meilen war für mich nach sage und schreibe 130 Kilometern in der brutalen Nacht unerbittlich Feierabend. Berlin und die historische Grenze hatten an diesem Tag einfach den längeren Atem und zwangen mich in die Knie.

Der Ruhr-Showdown: Erst vor wenigen Tagen, am 23. Mai 2026, wollte ich die 230 Kilometer nonstop bei der geschichtsträchtigen TorTour de Ruhr bezwingen. Bei Kilometer 120 zogen die Beine und der Kopf die absolute Notbremse. Das Projekt musste schweren Herzens vorzeitig abgebrochen werden.

Aber wisst ihr was? Wenn man die Sache nüchtern und mit ein bisschen mathematischer Selbstironie betrachtet, habe ich an diesen zwei Tagen mal eben zweihundertfünfzig Kilometer im reinen Wettkampftempo zurückgelegt. Das schaffen die meisten Menschen nicht mal im Auto an einem Wochenende. Wer noch nie in seinem Leben ausgestiegen ist und ein DNF (Did Not Finish) im Protokoll stehen hat, der hat sich seine Ziele schlicht und ergreifend nicht hoch genug gesteckt.

Ich kenne jetzt den tiefen, finsteren Schmerz ab Kilometer 100 in- und auswendig. Das waren keine Pleiten, das war extrem wertvolles, unbezahlbares Anschauungsmaterial für die Zukunft.

Und eins ist für mich mal sonnenklar: Pfingsten 2028 stehe ich wieder an der Ruhrquelle in Winterberg. Und dann laufe ich die verdammt noch mal bis zur Mündung am Rheinorange in Duisburg durch!

  • Mein persönlicher Endgegner:

Der unheimliche Spät-Schüttelfrost im Bett.

Nach solchen astronomischen Extrembelastungen weit jenseits der 100-Kilometer-Marke habe ich übrigens meinen ganz persönlichen, treuen und unheimlich pünktlichen Begleiter: den Schüttelfrost.

Der schlägt bei mir mit schöner Regelmäßigkeit exakt dann zu, wenn das große Abenteuer vorbei ist, ich zu Hause oder im Bett angekommen bin und mein Geist endlich signalisiert, dass wir jetzt zur Ruhe kommen können. Mein zentrales Nervensystem denkt sich dann wohl in einer Art Panikreaktion: „So, das Adrenalin ist weg, der Typ liegt endlich im Warmen, die Muskeln arbeiten nicht mehr – fangen wir mal sprunghaft an zu zittern wie Espenlaub, um künstlich Hitze zu erzeugen!“

Das liegt am medizinisch berüchtigten „Open-Window-Phänomen“. Mein Immunsystem fährt nach so einem Ritt eine gigantische, zelluläre Reparaturwelle hoch, um die Millionen Mikrorisse in den Muskeln zu flicken. Dabei schüttet der Körper Botenstoffe aus, die dem Gehirn einen fieberhaften Infekt vorgaukeln.

Mein neuer Masterplan für mein nächstes großes Ding – die anstehenden 171 km Rund um Kölle Ende Juni – sieht deshalb so aus: Sofort nach dem Zieleinlauf in Köln warm einpacken, keine einzige Sekunde unnötig in nassen Sachen rumstehen und vor dem Schlafengehen eine gigantische, fast schon unanständige Schüssel warmen Milchreis mit extra viel Zucker und einer ordentlichen Prise Salz reinschaufeln, um den inneren Ofen am Brennen zu halten, bevor das Zittern überhaupt eine Chance hat.

Fazit: Wer bremst, verliert – und wer nicht antritt, hat schon verloren!

Am Ende des Tages zeigt meine eigene, fortlaufende Geschichte vor allem eines: Man muss nicht von Geburt an eine Profi-Karriere mit perfekter Sportlerjugend durchlaufen haben, um im fortgeschrittenen Alter Außergewöhnliches zu leisten. Es reicht völlig aus, ein bisschen positiv verrückt zu sein, eine gehörige Portion Selbstironie im Gepäck zu haben und einfach niemals, unter keinen Umständen aufzuhören, wenn die Beine lautstark „Stopp!“ schreien.

Ob ich nun im Dienst Menschen unterstütze, wochenlang im totalen Verzicht faste, morgens mit einem meiner zwölf Paare zur Schicht jage, nachmittags im Sattel sitze oder mir nachts mit der Stirnlampe den Kölner Grüngürtel anschaue: Ich mache das alles mit einem verdammt breiten Lächeln im Gesicht. Und wenn ihr mich das nächste Mal im Schwalmtal oder im Kreis Viersen vorbeiflitzen seht, ruft mir ruhig ein herzliches und aufmunterndes „Lauf, Axel, lauf!“ zu.

Aber wundert euch bitte nicht, wenn ich mitten im Schritt umdrehe und euch direkt einlade, die restlichen 10 Kilometer meines täglichen Pflichtprogramms einfach spontan mitzulaufen!